Sprachförderung und Leistung durch und in Kooperation:
An der Green Gesamtschule ist kooperatives Lernen fester Bestandteil jeder Unterrichtsstunde. Alle Schüler:innen bringen sich ein, übernehmen Verantwortung und unterstützen einander aktiv. Viele von ihnen sind erst seit kurzer Zeit in Deutschland. Das kooperative Arbeiten in festen Tischgruppen wirkt nicht nur lernförderlich, sondern unterstützt zugleich die Sprachentwicklung der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen.
Deutsch im »Sprachbad« kooperativ lernen
In vielen Klassen der Green Gesamtschule sitzen Kinder und Jugendliche, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben. Entsprechend vielfältig sind die Erstsprachen: Ukrainisch, Türkisch, Arabisch, Bulgarisch oder Rumänisch gehören zum Alltag. Diese Heterogenität nutzen wir bewusst. Denn das Lernen in kooperativen Tischgruppen stärkt nicht nur das fachliche Arbeiten, sondern wirkt auch als Motor für die Sprachentwicklung. Wer in der Gruppe Aufgaben übernimmt, erklärt, nachfragt und anderen hilft, spricht – und zwar in jeder Stunde.
Wenn der Bedarf da ist, richten wir Internationale Vorbereitungsklassen (IVK) für die Jahrgänge 5 bis 7 ein. Die Aufnahme ist bewusst auf eine kurze Zeit angelegt: In der Regel bleiben die Kinder höchstens ein Schuljahr in der IVK. Der Übergang in die Regelklassen kommt früh. Nach wenigen Wochen tauchen neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler in das »Sprachbad« des normalen Unterrichts ein.
Nach einer Eingewöhnung in der IVK werden sie so schnell wie möglich – auch mitten im Schuljahr – teilintegriert oder vollständig übernommen. Wann ein Wechsel ansteht, beraten wir im Team, welche Schülerinnen und Schüler schon bereit sind – für einzelne Fächer oder für den kompletten Übergang. Bei einer Teilintegration starten sie zunächst in ausgewählten Fächern wie Kunst, Sport oder Englisch.
Schule in der Migrationsgesellschaft – Sprachförderung durch kooperatives Lernen
(Quelle: Deutsches Schulportal der Robert Bosch Stiftung)
Sprachförderung in der Regelklasse
Mit dem Wechsel in die Regelklasse endet die Förderung nicht – sie beginnt in neuer Form. Um auch bei voller Integration Stabilität zu geben, ist der Deutschunterricht in den Jahrgängen 5 und 6 häufig doppelt besetzt. Zusätzlich übernehmen Mitschülerinnen und Mitschüler für einzelne neu zugewanderte Kinder Dolmetsch-Patenschaften, wenn es im Alltag schnell Verständigung braucht.
Unser Kollegium ist ein großer Verfechter des Sprachbades –im Wissen, dass es ohne Begleitung überfordern kann. Deshalb haben wir ein abgestuftes Unterstützungssystem aufgebaut: eine begleitende, zweijährige Erstförderung und anschließend eine DaZ-Anschlussförderung. In beiden Formaten werden zugewanderte Kinder aus den Regelklassen während der Unterrichtszeit in Kleingruppen gezielt unterstützt. Meist laufen sechs Sprachförderkurse pro Woche, bei Bedarf wird das Angebot ausgeweitet.
Auch jenseits des Stundenplans stärken wir die Sprache systematisch. Es gibt eine Lese-AG, eine Kooperation mit der internationalen Kinder- und Jugendtheaterbühne »Bahtalo« in direkter Nachbarschaft – und einmal wöchentlich organisiert ein freier Träger einen Spielenachmittag, bei dem Sprachspiele im Mittelpunkt stehen.
Gleichzeitig ermutigten wir den Besuch des herkunftssprachlichen Unterrichts, der in Duisburg zentral organisiert wird. Dahinter steht eine klare Annahme: Eine stabile Erstsprache erleichtert das Lernen von Deutsch und weiteren Fremdsprachen. Grammatikstrukturen lassen sich vergleichen, Wortschatz und Rechtschreibmuster übertragen – das vertieft das Sprachbewusstsein insgesamt.
Lernen in Tischgruppen
Damit kooperatives Lernen trägt, ist die Zusammensetzung der Gruppen kein Zufall. In den Tischgruppen sollen unterschiedliche Herkunftssprachen ebenso vertreten sein wie verschiedene Niveaus der Bildungssprache. Innerhalb der Gruppen wechseln die Kinder und Jugendlichen zudem Rollen mit klaren Zuständigkeiten:
IQES-Karten für Feedback, Kommunikation und Kooperatives Lernen
Mit diesem Rollensystem werden bereits Kinder aus den vierten Klassen vertraut gemacht – etwa bei einem Kennenlern-Nachmittag vor dem Schulwechsel.
Beziehungen stärken
Die SchülerInnen, die uns anvertraut sind, wollen aufgrund ihrer (teilweise traumatischen) Vorerfahrungen nicht unbedingt mit ihren MitschülerInnen und LehrerInnen in einen unvoreingenommenen Kontakt treten und so liegt ein Schwerpunkt der Arbeit darin, die sichere und schöne Lernatmosphäre in den Klassen immer wieder in den Blick zu nehmen und SchülerInnen dazu zu ermutigen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Auf den Tischen finden sich z.B. Kästchen schöner Sätze, die die SchülerInnen benutzen können, wenn sie miteinander in Kontakt treten oder das Alleinsein und die Verzweiflung eher Raum einnimmt als die Solidarität. Die SchülerInnen an den Tischgruppen werden in ihrer Arbeit ermutigt und mit Zielformulierungen und genauen Absprachen unterstützt. Den LehrerInnen ist es ein großes Anliegen, die jungen Menschen zueinander zu bringen und sie freuen sich darüber, wenn Kooperationen zwischen den SchülerInnen beginnen.
Ein erweiterter Leistungsbegriff
Als Leistung definieren wir z. B. die Äußerung eines seit knapp zwei Jahren in Deutschland lebenden Schülers, der während einer Tischgruppenarbeit seinem Mitschüler mitteilte: »In der Tat solltest du mit der Kritik deines Lehrers etwas konstruktiver umgehen.« Wir nennen das Beispiel, weil es den Spracherwerb des Schülers und sein Verhältnis zu seinen TischpartnerInnen und seinem Lehrer zeigt.
Selbstverständlich gibt es an der Schule auch die vorgesehenen Leistungsbewertungsformate, die wir allerdings mehr und mehr als »Lernorte« definieren – Klassenarbeiten sollen als Rückmeldungen mit anschließender Korrektur so genutzt werden, dass SchülerInnen ihre Scheu vor Fehlern verlieren und weiter mit, an und aus ihnen lernen. Wir stellen zu der Frage angestrengt Überlegungen an, wie ein inklusives Leistungsmessungsformat aussehen könnte und ob sich der Widerspruch zwischen Messung und individueller Förderung auflösen lässt.
Dabei stellen wir fest, dass bereits im ersten Jahr an der Schule die Leistungsbereitschaft, die Anstrengungsbereitschaft und das Durchhaltevermögen bei den SchülerInnen deutlich steigen. Ein Beispiel ist der Duisburger Sprachstandstest, der zu Beginn und am Ende der Jahrgangsstufe 5 durchgeführt wird. (1)
Stellen wir unsere Ergebnisse nach einem Schuljahr vor – nach dem Re-Test am Ende der Jahrgangsstufe 5 – erreichen wir überwiegend eine Effektstärke von 1. Werden wir dann nach unserem Konzept der Sprachförderung gefragt, sagen wir ein wenig provokativ: »Wir haben noch gar keins – wir haben das Kooperative Lernen.«
Stärkenorientierte und fehlerfreundliche Leistungskultur
In Bezug auf die Entwicklung und Unterstützung einer stärkenorientierten und fehlerfreundlichen Leistungsbereitschaft unserer SchülerInnen sind in der Schule noch folgende Aspekte implementiert:
- Wir führen in den Fächern Deutsch und Englisch in allen Jahrgangsstufen mit allen SchülerInnen mündliche Prüfungen durch. Die SchülerInnen bereiten sich immer zu zweit vor. Die Rückmeldungen sind wunderbar – vor allem die LehrerInnen freuen sich unglaublich über die Leistungen und das Engagement der SchülerInnen.
- Die SchülerInnen führen an unseren wöchentlichen Projekttagen regelmäßige Präsentationen durch, die wir systematisch einüben und zu denen wir eine Feedbackkultur aufbauen. LehrerInnen, die neu zu uns kommen, freuen sich über die selbstbewussten, gut aufgebauten Präsentationen der SchülerInnen.
- In Mathematik werden die letzten Klassenarbeiten in allen Jahrgangsstufen durch Projektarbeiten ersetzt, die von den SchülerInnen in Einzel- und Tischgruppenarbeitsphasen vorbereitet und durchgeführt sowie anschließend mit Hilfe selbstgewählter Präsentationsformen vorgestellt werden.
- Alle gestellten Aufgaben sind mit Erwartungshorizonten versehen, so dass die SchülerInnen eine direkte Rückmeldung bei Klassen- und Kursarbeiten erhalten.
- Das Stundenziel / der Stundenaufbau ist in der Regel transparent und wir arbeiten mit diesem Element, weil sich Leistung unserer Meinung nach nur über Transparenz am besten herausfordern lässt.
- Die Bedürfnisse der SchülerInnen, ihre Interessen sind die Grundlage für die Schritte, die die SchülerInnen in ihrem Lernprozess beschreiten. Diese finden Einlass an den Projekttagen. Hier entstehen persönliche Bindungen, die dann greifen, wenn auch einmal streng kognitive Inhalte gelernt werden. (2)
Unser Kollegium leistet an unserer Schule sehr viel, weit über das normale Maß hinaus, sei es bei Hospitationsbesuchen (3) und anschließenden Diskussionsrunden, der Begleitung von Bachelor- und Masterarbeiten externer Studierender, Interviews für Funk und Fernsehen usw. Leistungsbereitschaft leben wir als Kollegium unseren SchülerInnen vor und werden damit auch in Bezug auf das, was wir leisten können und wollen, zu Vorbildern.
Ich wünsche mir vom Leben
Unsere Wünsche sind (…) die Vorboten desjenigen, was wir zu leisten im Stande sein werden.Johann Wolfgang von Goethe
Schülerinnen und Schüler der Green Gesamtschule sagen, was sie sich vom Leben wünschen und warum einige von ihnen das Abitur schaffen möchten.
(1) Der Test ist durchaus nicht unumstritten: Es wird nur der Sprachstand der deutschen Sprache getestet – der Stand der Herkunftssprache bleibt vollständig außer Acht – der Test dient allerdings als Zuweisungskriterium für zusätzliche LehrerInnenstellen und zeigt in der Breite auf, wie sich die Sprachfördermittel im Bereich der Bezirksregierung Düsseldorf sinnigerweise verteilen müssten.
(2) Auch bei diesen Lernschritten – wie dem Lernen von Vokabeln z. B. setzen wir auf den Einsatz von Kommunikations- und Lernspielen – vgl. hierzu: https://www.duisburg.de/microsites/bildungsregion_duisburg/projekte/englisch.php zuletzt abgerufen am 06.02.2022
(3) https://www.green-gesamtschule.de/unsere-schule/im-ueberblick/schulentwicklung/ – zuletzt abgerufen am 06.02.2022